Auch Clown*innen dürfen verzweifelt sein ... Trotzdem: LebensBlüten auf der Spur
Ursula ist CliniClown und Humor-Trainerin, Mutter zweier Töchter und noch vieles, vieles mehr. Gemeinsam mit dem akademischen „Improvisations-Allround-Künstler“ Christian verbindet sie die Liebe zum Lachen, zum Leben und zum Archivieren von Geschichten, damit der unverkennbare Klang einer Stimme auch für nächste Generationen lebendig bleiben kann. Ein virtuelles Gespräch mit zwei Menschen, die eine neue Kultur des Hin-Hörens und Mit-Fühlens initiieren wollen und dabei keine Angst vor dem Offenbaren eigener Betroffenheiten haben.
Nähere Informationen zum wunderbaren Projekt finden Sie hier: LebensBlüten
Herzlichen Dank, dass ihr euch in diesen chaotischen und herausfordernden Tagen Zeit für ein Gespräch nehmt. Die Initiative ist ja von dir, Christian, ausgegangen. Du bist mit der schönen Anfrage, ob ich nicht einen Beitrag zu eurem gemeinsamen Projekt LebensBlüten schreiben möchte, an mich herangetreten, was mich sehr gefreut hat. Ich hab mir gedacht, ich würde gerne noch mehr über euch als Personen mit euren Visionen, Haltungen und Ideen erfahren. Und ich bin mir ziemlich sicher, auch die Leser*innen sind sehr neugierig darauf.
Ursula, als ich mich auf das Gespräch mit euch vorbereitet habe, konnte ich in einem Interview mit dir von deinen „Humor-Ankern“ lesen. Eine erste Frage, und vielleicht ist es heute die Herausforderndste für dich: Wann hast du zuletzt einen „Humor-Anker“ auswerfen müssen?
Ursula: (lacht) Da erwischst du mich am richtigen Fuß! Ich bin ein extrem humorvoller und optimistischer Mensch und brauche den Anker nur selten, weil es meine Grundhaltung nicht erfordert. Aber in diesen Zeiten, wo ich das Gefühl habe unterzugehen, so komplett, da wäre ich sehr froh um einen Anker, der mir zugeworfen werden würde. Wenn ich so darüber nachdenke: Einen Anker hatte ich gestern: Als CliniClown war ich mit einer tollen Kollegin bei einer wunderbaren Visite im Krankenhaus in Wels. Dort wurde so viel gelacht. Im Zimmer und außerhalb und das hat mich so aufgebaut. Das sind Momente des Lachens, der Leichtigkeit, des Clown-Seins, die mir unglaublich viel Kraft geben. Und das ist jetzt auch der Punkt – mir wird das Clown-Sein entrissen, weil wir manche Häuser nicht mehr betreten dürfen. Somit bin ich heute ein wenig neben der Spur.
In meinen Humor-Seminaren versuche ich den Menschen mitzugeben, dass es immer etwas gibt, das Anker sein kann. Gerade denke ich an ein Foto von meinen Kindern, das im Auto aufbewahrt ist, wo sie im Trampolin springen und ihnen die Haare zu Berge stehen. Immer wenn ich das Foto anschaue, komme ich in eine andere Stimmung. Also eigentlich sollte ich jetzt runter ins Auto laufen und das Foto anschauen. (lacht)
Du bist momentan sehr gefordert deinen Humor-Muskel trainieren zu müssen?
Ursula: Ja, genau! Und der gehört trainiert. Das ist ein Training. Die humorvolle Haltung einzuüben bedeutet ein lebenslanges Dranbleiben. Trainieren, insofern, als er abhandenkommen kann. Es gibt Phasen, die sind schwierigst, und es ist gut zu wissen, auf eigene Ressourcen zurückgreifen zu können.
Was bedeutet Humor für dich?
Ursula: Humor bedeutet Leichtigkeit. Schwere abfallen lassen zu können. Humor bedeutet für mich eine Einstellung zu mir und zum Leben generell. Humor ist eine Haltung: Wie begegne ich Schwierigkeiten und wie kann ich diese überwinden, ohne mich selbst dabei zu ernst und zu wichtig zu nehmen?
Humor bedeutet für mich Emotionen fließen lassen zu dürfen, die Positiven und die Negativen, oder die Schwierigen. Das bedeutet, Lachen und Weinen zuzulassen.
Christian, was bedeutet Humor für dich?
Christian: Humor bezeichnet eine Lebenshaltung, die mit Augenzwinkern zu tun hat. Die Mundwinkel nicht von der Schwerkraft des Alltags nach unten ziehen zu lassen. Dafür suche ich mir Menschen, mit denen ich gut lachen kann – wie die Uschi oder die Martina –, wo ich weiß, was die Personen lustig finden und was nicht. Humor als Solo-Trip ist sehr schwierig. Humor hat etwas mit Dialog zu tun.
Humor hat auch etwas mit Mut zu tun. Mut, um rauszugehen aus der eigenen Komfortzone und auch mal provokant zu sein.
Entgegen der Schwerkraft des Alltags zu handeln hat für dich viel mit Beziehung zu tun. Du brauchst für dein Humor-Training also Menschen, die dich herausfordern, dich herauslocken um in Resonanz zu gehen. Christian, du bist berufsbedingt ein „Spieler“ ein „Improvisateur“, was ja viel mit Humor und Leichtigkeit zu tun hat. Kannst du dich daran erinnern, wann du das letzte Mal gespielt hast – Spiel im weitesten Sinne interpretiert?
Christian: Am Sonntag hab ich mit meinem Enkel UNO gespielt, der dabei ganz lustvoll die ganzen 2er und 4er Karten auf einmal abgelegt hat. Aber eigentlich spiel ich ja die ganze Zeit: Mit Worten, mit Emotionen, mit Provokationen. Das ist die Jonglage des Alltags.
Das Jonglieren bringt mich zurück zu dir, Ursula. Ich habe gelesen, du hast vor einigen Jahren deinen sicheren Job im Einkauf aufgegeben und hast dich ausbilden lassen und dich selbständig gemacht als Humor-Trainerin. Hast als CliniClown gearbeitet, dich im Bereich Palliative Care weitergebildet. Wie kam es dazu? Und wo stehst du heute? Ich spüre momentan viel Ringen und Verzweiflung in dir. Hast du diesen Schritt jemals bereut?
Ursula: Nein, nein, nein! Ich hab es nie bereut!
Mein damaliger Job war sehr fordernd und hat mich sehr eingeengt. Ich hatte schon lange gespürt: Ich bin hier nicht am richtigen Platz. Mit Mitte 20 habe ich begonnen Improvisationstheater zu spielen und begann mich für die Clownerie zu interessieren. Dieser Same in mir hat zu keimen begonnen und der Clown in mir ist immer größer geworden. Der wollte einfach raus.
Eine pragmatische Entscheidung war, dass ich schwanger werden wollte und es hat nicht geklappt. Da war also etwas, das in mir nach etwas Anderem drängte und dann der Stress und Druck, der sich auch körperlich auswirkte, sodass ich entschied zu kündigen. Und schwupptiwupp hatte sich meine erste Tochter angekündigt. Da begann sich eine Metamorphose in mir zu vollziehen und ich wusste, ich will nicht mehr zurück in das enge Korsett, sondern das leben, das ich spüre. Ich habe den Clown in mir zugelassen. Ich habe verschiedenste Ausbildungen gemacht und mich bei den CliniClowns beworben, und habe es keine Sekunde bereut. Ich lebe es. Ich liebe es. Und deswegen trifft es mich so hart. Ich hatte es vor einem halben Jahr, dass keine Trainings, keine Besuche im Kindergarten ect. mehr möglich waren. Ich war quasi arbeitslos. Dann begann sich alles zu normalisieren und zu stabilisieren und plötzlich geht es von vorne los.
Clown zu sein ist nicht nur ein Beruf für mich, sondern eine Berufung und gerade jetzt wäre es so wichtig vor Ort zu sein.
Dann möchte ich gerne eine Erinnerung hervorlocken: Kannst du dich an den Moment erinnern, als du das erste Mal als Clownin ein Krankenzimmer betreten hast?
Ursula: Den ersten Moment habe ich nicht mehr so präsent. Während der Ausbildung durften wir bereits mit den CliniClowns mitgehen, und diese Eindrücke sind mir sehr nah, weil ich so fasziniert war. Es war damals auf der Kinderonkologie Station und ich hatte großen Respekt davor. Damals dachte ich, das schaffe ich nie. Und plötzlich war ich so mitten drin in einem Spiel. Ich merkte, der Fokus lag nicht auf der Schwere der Krankheit, sondern auf dem Leben und der Lebendigkeit. Das war so ein „Aha-Erlebnis“, nicht nur für den Clown-Beruf, sondern in Bezug auf mein ganzes Leben: Wo liegt der Fokus? Worauf achte ich?
Christian: Improvisations-Künstler, Hochschuldidaktiker, Berater, Journalist, Wortgottesdienstleiter, Vater, Opa ... Ich vermute, die Spontaneität, sich selbst „verschieben“ zu lassen und Perspektiven „verrücken“ zu müssen ist dir etwas sehr Gegenwärtiges, wenn ich an deine vielfältigen Betätigungsfelder denke. Und vermutlich gibt es Menschen, die können sich nie und nimmer vorstellen, Humor erlernen zu können, genauso wie es Menschen gibt, denen es die Nackenhaare aufstellt, wenn sie daran denken, improvisieren zu müssen. Was würdest du sagen, ist die Voraussetzung sich spontan auf eine ungewisse Situation einlassen zu können? Was muss man dahingehend lernen?
Christian: Lernen musst du gar nichts! Du musst es nur Wiederentdecken. Denn Humor-Kompetenz hat jeder Mensch. Die Menschen verlernen dahingehend so schnell und das ist unfassbar schade. Im Grunde geht es um Selbstwirksamkeitstraining. Natürlich ist es wie eine Art Muskeltraining einer gewissen Herangehensweise an das Leben, das ich üben kann. Aber im Grunde habe ich es schon. Es hat etwas mit Achtsamkeit zu tun: Wo finde ich Anknüpfungspunkte, die mir den Weg zum Anderen eröffnen? Der Anfang kann ein Hingehen, ein Lächeln sein, das Entdecken, worüber man gemeinsam lachen kann, um dann in einem nächsten Schritt zu überlegen, wie kann ich das Erfahrene, Erprobte auch in anderen Lern- und Lebensfeldern anwenden; mit Partner*innen, Kindern, Kolleg*innen.
Als zB die Uschi mich fragte, ob ich mit ihr eine Runde um den Pichlingersee gehen möchte und sie während des Gehens sagte: Wir machen jetzt dieses Projekt LebensBlüten und ich erwiderte: Ja, dann machen wir das!
Was ich dahingehend üben und lernen kann, ist die Erfahrung zu machen, was an Wundern entstehen kann, wenn ich zuhöre, achtsam bin, mich auf andere Menschen im Moment einlasse.
Christian, ich weiß, dass (christliche) Spiritualität in deinem Leben eine wichtige Rolle einnimmt. Hat auch Humor etwas mit Spiritualität zu tun?
Christian: Unbedingt! Wenn meine Spiritualität nichts mit Humor zu tun hätte, wäre ich im falschen Film. Wenn alles fürchterlich und traurig und leise sein müsste, würde ich mich nicht zu Hause fühlen. Katholische Kirche neigt ja eher zur Selbstgeisselung. Das ist nicht mein Lebenskonzept. Matthias List - von der Pfarre St. Markus - ist beispielsweise ein unfassbar positiver und humorvoller Mensch, der mich auch ermutigt, meine Lebenshaltung in den Gottesdienst zu integrieren.
Danke für die schöne Überleitung, Christian. Seit kurzem habt ihr ein gemeinsames Projekt ins Leben gerufen, das den Titel LebensBlüten trägt: Vertonte Lebensgeschichte von Menschen in der letzten Phase ihres Lebens.
Wenn man sich eure website ansieht, und man die Vielfalt der Impulse wirken lässt, dann wird einem sehr schnell bewusst, wieviel Energie, Liebe, Leidenschaft und Zeit in die zarten Pflänzchen der „Lebensblüten“ geflossen ist.
Wie seid ihr auf diese schöne Idee gekommen, Menschen beim Erzählen ihrer Geschichte, beim Entdecken von Kostbarkeits-Momenten zuhören zu wollen, um diese für die Personen selber und ihre Angehörigen zu bewahren? Wer oder was hat euch inspiriert?
Ursula: Das sind mehrere Wege gewesen. Der erst Auslöser war, dass vor ungefähr 5 Jahren meine beiden Großmütter innerhalb einer Woche plötzlich verstorben sind. Nach einer Woche wurde mir klar, dass nun eine ganze Generation weg war und ich hatte so Vieles nicht gefragt. Ich hatte immer engen Kontakt zu ihnen, aber im alltäglichen Tun kommt man nicht zu den essentiellen Fragen. Ich habe mich gefragt, wie hätte ich all das Ungefragte aufzeichnen können?
Nicht nur die tiefgründigen Fragen, sondern die scheinbar so banalen Dinge wie Kochrezepte waren einfach verloren.
Als CliniClown hatte ich viel Kontakt zu Menschen im Altenheim, wo ich rasch in die Rolle einer Zuhörenden schlüpfte, weil so viel erzählt werden wollte, weil da so viele Geschichten, so viele Bilder waren und als Clownin geht man ganz offen rein und fragt: Wer ist das und wer ist das? Sofort waren da ganze Lebenswege, die geteilt werden wollten, aber ich war in der falschen Rolle. In diesen Momenten hätte ich so gerne die Maske abgenommen um nur zuhören zu können. Während meiner Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin entstand die Idee, diese Geschichten aufzeichnen zu wollen. Ich wollte nur zuhören, und gar nicht mehr selber so viel reden müssen. Ich wollte als „Fremde“ die Möglichkeit schaffen, dass Menschen reden können, weil besonders dadurch, dass es nicht Angehörige sind, die hören, vielleicht etwas ganz Neues entstehen kann. Dasein. Zuhören. Aufzeichnen. Festhalten. Genauso wie ich es mir selbst gewünscht hätte.
Zunächst war es eine Video-Idee. Ich wollte Bilder sehen und habe es auch ausprobiert, und habe gemerkt, das war es nicht, das ich suchte. Es war die Stimme, die ich vermisste. Damals spürte ich, dass ich so viele Bilder im Kopf hatte, aber die Stimme konnte ich mir einfach nicht in Erinnerung rufen, sie verblasste allmählich und in diesem Moment wusste ich, es ist die Stimme, und nicht das Bild oder das Video, die im Vordergrund stehen muss. Menschen, die palliativ betreut werden müssen, verändern sich aufgrund der Krankheit manchmal optisch sehr stark, und würden das vielleicht nicht wollen, wohingegen die Stimme meist dieselbe bleibt. Die Stimme ging bei mir viel tiefer als die bewegten Bilder.
Christian: Das Thema Biografiearbeit beschäftigt mich schon seit den Anfängen meines beruflichen Werdeganges. Zunächst interessierten mich die Zugänge älterer Menschen, wie sie ihr Leben gestalten und wie sie in der letzten Phase damit umgehen. Erst dann realisierte ich, dass Biografiearbeit einen ganz wesentlichen Aspekt von Lernprozessen darstellt.
Im Aufspüren der LebensBlüten erfahre mich als Lernenden und kann in der Reflexion von wunderbaren Alltagsmomenten Anknüpfungspunkte erkennen, die mir helfen, ein Morgen zu gestalten, egal wie lange dieses Morgen dauert. Lernen und mich weiterentwickeln als Chance für meine persönlichen Lernprozesse sehen und anderen Inspirationen für den Alltag zu geben, das sind LebensBlüten.
Zentral ist, dass eure Zielgruppe Menschen mit einer lebensverkürzenden Diagnose sind. Das setzt vermutlich eine sehr bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit, Verletzlichkeit und Endlichkeit voraus. Besonders diese Aspekte gehen mir gegenwärtig sehr nah. Mir erscheint, ihr brecht mit eurem Projekt gleich zwei Tabus: Über den Tod spricht man nicht (gerne) oder will ihn nicht wahrhaben. Humor und Sterben haben nichts miteinander zu tun. Würdet ihr dieser Wahrnehmung zustimmen?
Christian: Ja, LebensBlüten wendet sich an Menschen in einer (letzten) Lebensphase und grundsätzlich an alle Menschen, die einen wertschätzenden Blick auf ihr Leben werfen möchten. Für mich hat das nichts mit letzter Lebensphase zu tun. Wir wissen ja nicht, wieviel Zeit uns geschenkt ist auf diesem Planeten. Insofern kommt es darauf an, bewusst zu schauen: Für welche wunderschönen Moment möchte ich „danke“ sagen. Momente, die so kostbar sind, dass ich jemanden anrufen möchte oder muss um es weiterzuerzählen. Für mich ist es eine Lebenshaltung, die dahintersteht. Natürlich, wenn ich eine Diagnose bekomme, dann muss ich mich noch viel bewusster mit der eventuellen Letztmaligkeit eines Momentes auseinandersetzen, aber grundsätzlich ist es eine Frage der Haltung dem Leben gegenüber, denn niemand weiß, was morgen ist.
Ursula: Es ist mir ein Anliegen, die Themen Humor und Sterben, Humor und Tod, die auf den ersten Blick Gegensätze zu sein scheinen, nebeneinander stehen lassen zu können. Ich bleibe bei meinem ersten Statement: Lachen und Weinen sind beides zutiefst menschliche Emotionen, und gehören dazu bis zum Schluss. Weil sie ein Stück Normalität bis zum Ende des Lebens bewahren lassen. Ich bin oft bei Palliativ-Patient*innen, die häufig nur mehr wenige Tage zu leben haben und erfahre, humorvolle, ehrliche Zuwendung tut einfach gut. Selbst, wenn der Humor für den Patienten keine Rolle mehr spielt, ist der Humor in dieser Phase besonders für die Angehörigen ein wahnsinnig hilfreiches Ventil: Um für einen Moment rauszugehen aus der Situation und schmunzeln zu können über Anekdoten, um lächeln zu können über das Schöne und das Verbindende, über Geschichten, die sie zu erzählen haben. Humor hilft beim Durchatmen-Können auch in ganz schlimmen Situationen, auch in der Trauer. Genauso bedeutet es, einen respektvollen Umgang mit den Menschen zu pflegen, denn manche können das in bestimmten Phasen einfach nicht. Es geht nie darum zu sagen: Jetzt machen wir mal einen kurzen Witz und streuen etwas Humor darüber, davor möchte ich sehr warnen! Es geht vielmehr um das emphatische Hinspüren: Was brauchen Menschen in einer Trauersituation? Es bedeutet auch, ihnen zuzugestehen, dass sie lachen können dürfen! Um dahingehend auch die Berührungsängste abzubauen. Wir haben so große Berührungsängste in Bezug auf Trauernde und sterbende Menschen. Ich habe es erlebt, dass es ganz oft hilfreich ist - wenn man hinspürt - die Menschen bereit und dankbar sind für eine Ablenkung, für kurze Momente des Durchatmen-Dürfens.
Das, was ich gehört habe bzgl. eures Projektes, ist weit mehr, als dass es ein zeitlich befristetes Projekt wäre, sondern lässt sich als Plädoyer für eine neue Kultur der Mit- und Fürsorge, des neuen Hinhörens und emphatischen Daseins interpretieren und dies berührt mich im Moment ganz stark. Wenn ich an das Spiel, die Improvisation, den emphatischen Humor denke, dann assoziiere ich damit: Gelassenheit und Vertrauen, die Fähigkeit zur Selbstrelativierung. Besonders in diesen zwischenmenschlich so rau und kühl gewordenen Zeiten, wäre nicht Humor – als Fähigkeit der Distanznahme – das beste „Mittel“ gegen Fanatismus, Zynismus, Rechthaberei und ideologische Verstrickungen jeglicher Art und Richtung? Könnte uns Humor – als eine Haltung der Gelassenheit, nicht alles kontrollieren zu können – dabei helfen, uns gegenseitig wieder anzunähern?
Das ist jetzt eine so große Frage, aber vielleicht gibt es ein paar kleine Gedankensplitter dazu, denn ich vermute, viele Menschen sind damit konfrontiert. Und vielleicht hat es auch etwas mit Trauer zu tun.
Ursula: Ja, das hat ganz bestimmt etwas mit Traurigkeit, mit Trauer zu tun. Auch mit Angst. Natürlich wäre all das, was wir besprochen haben ein „Mittel“ und hilfreich für viele Menschen. Aber das Thema ist, wenn jemand wirklich nicht will und im Widerstand ist, ist es massiv schwierig und sehr energieaufwändig diesen Menschen rauszuholen. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich! Jeder kleine Funke, der nur so beiläufig rüber springt, kann zum Umdenken und zum sich wieder öffnen beitragen. Mein Appell ist, dran zu bleiben. Im Gespräch zu bleiben. Immer wieder die Hand zu reichen aber nur bis zu einem gewissen Punkt, solange eben die eigene Kraft reicht. Und das hat etwas mit Selbstfürsorge zu tun.
Christian: Schwierig da noch was drauf zu setzen, so kluge Worte. Ich kann es nur nochmals sagen: Es geht um Alltagsermutigung. Das ist ein sehr zentraler Punkt für mich. Für unser Projekt haben wir Impulsfragen gesammelt um LebensBlüten zu entdecken und diese kann ich jeden Tag einsetzen um bewusst diese wertschätzende Haltung dem Leben gegenüber einzuüben. Und das ist nicht so schwer. Ich versteh natürlich, was die Uschi meint, und ich kenne das auch. Manchmal greifen Menschen zu einer einzigen Frage unter 50, und entscheiden doch sich auf einen Prozess einzulassen, aber auf ihre Weise. Für mich bedeutet dies, mich in Demut und Geduld zu üben, indem ich auf das Bemühen schaue und nicht auf das, was ich mir erhofft oder erträumt hätte für den anderen. Dankbar sein für das, was einem geschenkt wird und Mut zu haben, uns immer wieder Reflexionsfragen im Alltag zu stellen. Aber natürlich heißt dies auch, sich selbst zuzugestehen, dass es Phasen gibt, wo alles wirklich schwierig und herausfordernd und alles andere als lustig ist. Und gleichzeitig, wenn ich zB an Advent, an dieses unfassbar kleine Licht denke, dann muss ich nicht noch extra den Deckel draufsetzen, damit das Licht erst recht erstickt.
Nicht müde werden auf das Wunder zu hoffen, im Sinne von, dass ein Funke überspringen möge, auch wenn ich im Moment nicht dabei sein kann, um es bewundern und bestaunen zu dürfen, aber auf die persönliche Wirksamkeit zu hoffen.
Christian: Ja, mehr noch: Vertrauen. Ich kann nicht jemanden glücklich machen, aber es gibt kleine Momente, wo etwas gelingt und darauf den Fokus zu lenken.
Ich sage danke für das Gespräch, das unglaublich inspirierend war. Ich wünsche euch alles, alles Gute für die kommende Zeit, denn mehr kann ich im Moment gar nicht wünschen.
Sie können das Projekt LebensBlüten durch eine Spende finanziell unterstützen, denn die LebensBlüten sollen für Menschen in der letzten Phase ihres Lebens kostenlos gesammelt werden können.
nähere Informationen unter: lebensblueten/unterstuetzen/
Fotos: privat